Gesundheit gestalten > Lebendiger Rhythmus
aus: momentum 4/2022
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Rhythmus als bewegende Kraft in therapeutischen Prozessen

Reinhard und Anna-Maria Flatischler

Wir stehen heute weltweit vor enormen Herausforderungen. Die gegenwärtige Situation löst bei vielen Menschen Angst aus, auf die sie mit Starre, Hilflosigkeit, Depression oder Aggression reagieren. Auch wenn wir nicht immer direkt Einfluss auf das Geschehen im Außen nehmen können, können wir dennoch Qualitäten entwickeln, die uns stärken, uns Chancen aufzeigen und uns in ein neues Bewusstsein führen: Raum schaffen, Vertrauen entwickeln, in Zeitlosigkeit eintauchen, innere Stille erleben, Boden unter den Füßen spüren und erleben, dass Chaos eine kreative Kraft sein kann, die uns in neue Bereiche führen mag.

TaKeTiNa ist ein Weg, auf dem Menschen lernen können, auf die tragende Kraft des Lebens zu vertrauen, einander mit offenem Herzen zu begegnen und die oben beschriebenen Qualitäten zu manifestieren.

Die rhythmische Körperarbeit dient der persönlichen Entwicklung und Heilungsprozessen. Rhythmus wirkt unabhängig von Kultur, Religion, Philosophie und persönlicher Haltung und betrifft zugleich jeden, da wir nicht nur von rhythmischen Zyklen umgeben sind, sondern auch der Mensch selbst unzählige rhythmische Prozesse in sich trägt. Es scheint kaum einen Vorgang im Körper zu geben, der nicht in Zyklen abläuft und exakten Rhythmen unterliegt.

TaKeTiNa findet in einem Bereich statt, in dem Naturrhythmen, Körperrhythmen sowie Rhythmen in Musik, Sprache und Bewegungsabläufen ineinander übergehen. Das Arbeiten mit rhythmischen Urbewegungen ermöglicht auch Menschenohne musikalische Erfahrung, aktiv in komplexe rhythmische Strukturen einzutauchen. Sie werden über Stunden in archetype Rhythmusverhältnisse geführt, mit denen sie sich mehr und mehr synchronisieren.

Natürlich wird Rhythmus nicht wie ein Medikament eingesetzt, indem ein bestimmter Rhythmus bei bestimmten Leiden hilft. Es gibt jedoch allgemeingültige Wirkungsmechanismen, die spürbar werden, wie beispielsweise Getragensein, Verbundenheit oder die Erfahrung, für Momente ganz im Hier und Jetzt verweilen zu können. Menschen fühlen sich plötzlich „in eine innere Ordnung gestellt”, erleben sich klarer und lernen, sich hinzugeben.

Ein weiteres Phänomen unserer Zeit ist der Verlust der Fähigkeit, selbst lindernd oder gar heilend Einfluss auf das eigene Leben nehmen zu können. Das geht einher mit dem Verlust der Selbstbestimmungsautorität. Die Fähigkeit, Menschen ohne Verordnung von Medikamenten, Medizinprodukten, Hilfsmitteln und sonstigen Verfahren zu helfen, ist im Laufe der Jahrtausende währenden menschlichen Evolution verloren gegangen.

Die medizinischen Folgen dieser Entwicklung sind unübersehbar: Trotz immer besserer, immer stärkerer, immer zielgerichteter wirkender Medikamente, trotz immer sensitiverer Früherkennungsmethoden und trotz immer modernerer diagnostischer Verfahren nehmen Erkrankungen gerade in den Industrienationen der westlichen Welt kontinuierlich zu.

Obwohl die entsprechenden Veranlagungen noch immer tief in uns ruhen, haben wir die natürlichen Fähigkeiten verloren, darauf zuzugreifen, um uns und anderen helfen zu können.

Die Kunst, sich selbst zu helfen, die Kunst, autonome Fähigkeiten zu aktivieren und zu kontrollieren, entzieht sich mehr und mehr unserer bewussten Kontrolle. Ein Problem, das von der modernen Schul-medizin gern verschwiegen oder verleugnet wird. 

„Kreativ sein, neuen Lebensmut zu schöpfen, Perspektiven entdecken,
unabhängig und selbstbestimmt für mich sorgen.“

TaKeTiNa schafft Grundlagen, die für die Gesundung und die psychische, physische und mentale Weiterentwicklung essenziell sind. Menschen lernen durch Rhythmus, kreativ zu sein und neuen Lebensmut zu schöpfen, neue Perspektiven für sich und ihr Leben zu entdecken und wieder unabhängig und selbstbestimmt für sich zu sorgen.

Raum schaffen und Zeitlosigkeit erleben

Pulsation ist eine zentrale rhythmische Kraft, die sowohl in der Natur als auch in unserem Körper omnipräsent ist. Pulsieren entsteht durch das rhythmische Abwechseln von „Etwas“ und „Nichts“ – von Ereignis und Zwischenraum, von Puls und Stille. Je mehr wir mit dem Fokus von den Ereignissen hin in die Zwischenräume gehen, desto präsenter wird die Botschaft „Du hast Raum und Zeit“ und desto stärker wird unser Kontakt zum Zustand von Zeitlosigkeit. In TaKeTiNa© erfahren Teilnehmer Puls und Zwischenraum direkt, indem sie diese mit Bewegungen verbinden. Sie spüren, wie ein beständiger Puls tiefes Getragensein auslöst und wie der Raum dazwischen in profunde innere Stille führt.

Entscheidend ist, dass der Prozess die Teilnehmenden durch Bewegung in die Stille führt. Das ist vor allem in der Traumatherapie ein großer Vorteil, denn ruhiges Sitzen macht viele Klienten immer nervöser, während freie Bewegungen im Rhythmus die innere Enge, in der sie sich befinden, auflösen können.

Halt spüren und Vertrauen in das eigene Tun entwickeln

Im TaKeTiNa-Setting kommen mehrere Elemente zusammen: Die Gleichzeitigkeit mehrerer Rhythmusebenen, die Verbindung von Schritten, Klatschen und Singen sowie die bewusste Selbstwahrnehmung im Prozess. Für die Teilnehmer kann diese komplexe Situation dazu führen, dass sie aus dem Rhythmus fallen. Das geschieht vor allem bei rhythmischen Elementen, die für die Teilnehmern noch nicht vertraut sind und in Spannung zum Grundpuls stehen. Diese Phasen sind gewollt, denn dabei können Teilnehmer erfahren, dass zwar in ihrer Wahrnehmung Chaos herrscht, zugleich die rhythmische Ordnung, die sie umgibt, aber bestehen bleibt.

Während das Rausfallen aus dem Rhythmus anfangs oft mit Angst, Panik oder Hilflosigkeit verbunden ist, kann mit jeder neuen Chaosphase gelernt werden, darauf zu vertrauen, wieder zurück in den Rhythmus zu finden. Loslassen und Hingabe sind die Schlüssel, um nach solch einer Chaosphase wieder in den musikalischen Sog zurückzufinden.

Dem Rhythmus auch dann zu vertrauen, wenn man ihn verliert, hat weitreichende Auswirkungen auf Situationen im Alltag, denn jeder gerät mal aus dem Fluss des Lebens. Die Angst vor Unvorhersehbarem lässt nach. Statt zu reagieren, kann gelernt werden, zu agieren. Statt zwischen Gegensätzen hin- und hergeworfen zu werden, kann die Angst vor Unsehbarem losgelassen und die Erfahrung gemacht werden, auch in diesen Situationen weiterhin in der Mitte ruhen.

Neue Erfahrungen im sicheren Feld

Im TaKeTiNa-Prozess kann ein Teilnehmer am kollektiven Rhythmusgeschehen einer Gruppe teilhaben und zugleich an seinen individuellen Prozessen arbeiten. Das ist für viele ein sehr heilsamer Prozess, denn jeder kann sich mit seinen individuellen Qualitäten und Beschränkungen einbringen, in seinem Zeitmaß lernen und zugleich mit der Entwicklung des gesamten Geschehens verbunden bleiben, ohne dass die Gruppe kontrollierend eingreift oder bewertet.

„Lernen, dem Rhythmus auch dann zu vertrauen, wenn man ihn verliert.“

Geborgen im Kollektiv und dem tragenden Rhythmus können in diesem Feld neuen Erlebnissen und Erkenntnissen gemacht werden. Das Gefühl, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein, hilft, traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit zu heilen. Das Urvertrauen in die Welt kann wachsen.

Tiefe Entspannung

TaKeTiNa löst durch Atem- und Visualisierungsübungen, Stimmrhythmik und vielschichtige Bewegungsabläufe vorhersehbar und wiederholbar vagotone Zustände aus, die mit einer Tiefenentspannung des vegetativen Nervensystems korrespondieren. Diese profunde Beruhigung des Nervensystems wurde jahrelang von den österreichischen Ärzten Dr. Lohninger und Dr. Laczika während TaKeTiNa-Settings mit Herzratenvariabilität(HRV)-Messgeräten untersucht und verifiziert. Die tiefe nervale Entspannung wirkt sich positiv auf den Therapieverlauf aus, denn sie gibt dem Patienten mehr Kraft und Ruhe, die für ihn notwendigen Schritte zu setzen.

Die TaKeTiNa®- Rhythmustherapie

Das enthaltene Potenzial im Rhythmusprozess macht TaKeTiNa für die Therapiebegleitung nutzbar. Die Prinzipien von TaKeTiNa werden seit mehreren Jahrzehnten in unterschiedlichen Therapiebereichen (u.a. Schmerztherapie, Traumatherapie, Behandlung von Burnout-Erkrankungen und Depressionen) angewendet.

Die TaKeTiNa® Rhythmustherapie ist ein integratives Verfahren, das durch seine erfahrungsorientierte und gut strukturierte Herangehensweise viele Menschen berühren kann. Es erreicht durch seine Arbeit an dem universellen Phänomen Rhythmus auch Menschen, die schwerwiegende und durch verbale Interventionen nur bedingt erreichbare Probleme haben, und bringt sie in eine positive Entwicklungsrichtung.

„Unsere Patienten verstehen das intuitiv sehr schnell und nehmen das Angebot deshalb auch sehr gerne wahr“, sagt Frank Rihm, der seit über 25 Jahren an der Fachklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen mit TaKeTiNa arbeitet. In dieser Arbeit übersetzen sich psychische Störungsbilder in rhythmische Abläufe. Dadurch spiegelt es einerseits das wider, was transformiert, aufgelöst und weiterentwickelt werden möchte, andererseits bietet es aber auch die Werkzeuge, die das Lösen der dahinterliegenden Pathologie durch gezielte rhythmische Interventionen ermöglichen.

Im Februar 2023 beginnt die Fachtherapeutische Weiterbildung in TaKeTiNa® Rhythmustherapie in Kooperation mit der Universitätsklinik Erlangen. Mit Reinhard Flatischler, Frank Rihm, Bettina Berger, Dr. Ali Behzad und Anna-Maria Flatischler hat diese Ausbildung ein Leitungsteam, das jahrzehntelange Erfahrung mit Rhythmus, Therapie und Bewusstseinsentwicklung vorweisen kann.

Die Weiterbildung richtet sich an Menschen, die in heilenden Berufen tätig sind. Teilnehmende lernen Rhythmus und Musik sowohl in Kleingruppen als auch in Einzelgesprächen für den therapeutischen Prozess nutzbringend einzusetzen und darüber hinaus einen freudvollen und intuitiven Zugang zur Musik und zum Leben, der die persönliche Weiterentwicklung fördert und das bisherige Tun bereichert.

Mehr dazu: www.taketina.com/rhythmus-in-der-therapie.

ÜBUNG – Der Umgang mit Chaosphasen

Übung, die Sie jederzeit in Ihren Alltag integrieren können

Diese Rhythmuserfahrung können Sie im Sitzen oder Liegen machen. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Spüren Ihres Körpers – wenn Gedanken kommen, lassen Sie sie vorbeiziehen wie Wolken am Himmel. Gehen Sie dann zu einer Pulsstelle Ihres Körpers, die für Sie angenehm zu erreichen ist. Das kann eine Pulsstelle am Hals oder am Handgelenk sein. Lassen Sie sich Zeit, mit Ihrem Puls in Kontakt zu kommen.

Während Sie Ihren Puls spüren, lassen Sie in sich einen Klang entstehen, der den Klang Ihres Pulses imitiert. Verbinden Sie dann den Klang mit jedem Puls, den Sie wahrnehmen. So kann das Pulsieren Ihres Herzens nach außen hörbar werden. Achten Sie darauf, wie Ihr Puls auf die Verbindung mit Ihrer Stimme reagiert. Bitte lösen Sie sich dann wieder mit er Stimme vom Puls und gehen Sie zurück zum Lauschen.

Richten Sie dann Ihre Aufmerksamkeit auf die Zwischenräume zwischen den Pulsen. Nach einer Zeit sprechen Sie die Silbe „go“ in jede Mitte des Zwischenraums. Achten Sie auch hier darauf, wie der Puls auf die Stimme reagiert. Wie laut können Sie sprechen, ohne den Kontakt zu Ihrem Puls zu verlieren? Nach einiger Zeit lassen Sie das „go“ leiser werden, bis es im Unhörbaren verschwindet und lassen Sie die Übung einige Zeit nachwirken.

Die TaKeTiNa-Rhythmusübung finden Sie in Form eines Videos hier: www.taketina.com/momentum

Wahrscheinlich machen Sie in der Übung eine Erfahrung anfangs häufig: Sie fallen aus dem Rhythmus – was erleben Sie dabei?

Zum Weiterlesen:

Flatischler, Reinhard. Rhythm for Evolution: Das TaKeTiNa Rhythmusbuch. Schott (2006)

Flatischler, Reinhard. Taketina. Die heilsame Kraft rhythmischer Urbewegungen. Irisiana (2012)

Flatischler, Reinhard. Die vergessene Macht des Rhythmus. Synthesis (1990)

Zu den Personen:

Reinhard Flatischler wurde 1950 in Wien geboren und absolvierte ein Studium an der Musikuniversität Wien, bevor er jahrelang bei Meistertrommlern aller Kontinente studierte. 1970 begründete er die TaKeTiNa® Rhythmuspädagogik. Er ist wissenschaftlicher Beirat der Gesellschaft für Musik in Medizin und Komponist und Begründer der legendären Gruppe „MegaDrums“ und der beiden Orchestersuiten „Waves upon Waves“ und „Space beyond Space“. Gemeinsam mit seiner Frau und Musikpädagogin Anna-Maria Flatischler leitet er das TaKeTiNa Institut für Rhythmuspädagogik und Rhythmusforschung sowie weltweit Ausbildungen und Workshops.

Gesundheit gestalten > Lebendiger Rhythmus
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Momentum

Ein gleichmäßiger Trommelpuls von ca. 4,5 Hz stimuliert die Thetawellen im Gehirn.

© Archiv TaKeTiNa Institut

Im rhythmischen Fluss

In der Zeitlosigkeit tut sich ein Raum auf, der still und bewegt zugleich ist.

© Archiv TaKeTiNa Institut